Martin Stiebert · Jena · Neugasse 29 · Fernruf: 01 78 - 617 95 40
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Eine kleine deutsche Hymnologie
Bleibt Bertolt Brechts Kinderhymne »Anmut sparet nicht noch Mühe« eine geheime Nationalhymne? Jedenfalls bietet sie den schönsten modernen Hymnentext auf unser Vaterland. Vertont wurde sie von Hanns Eisler – ebenso wie Johannes R. Bechers »Auferstanden aus Ruinen«, die Nationalhymne einer Deutschen Demokratischen Republik. Beide Texte lassen sich aber auch auf die Melodie von »Einigkeit und Recht und Freiheit« singen – das heißt auf Joseph Haydns Melodie von 1796, die für den Text »Gott erhalte Franz, den Kaiser, / Unsern guten Kaiser Franz« geschrieben wurde … Viele Geschichten aus der verschlungenen Genealogie deutscher Hymnen werden in diesem Programm geboten.
Wert und Ehre deutscher Sprache
Hugo von Hofmannsthal schloß 1927 seinen Essay über »Wert und Ehre deutscher Sprache« mit den Worten: »Denn wir sind uns der Bedrohung des Ganzen bewußt. Einen letzten Glauben, es bestehe unversehrt wenngleich verborgen die Mitte der Nation und werde dies in Empfang nehmen, wollen wir nicht aufgeben.« Getragen von diesem »letzten Glauben«, bietet die Lesung Texte großer Gestalter unserer Muttersprache: von Luther und Lessing, Wieland, Goethe und Hofmannsthal. Aber auch die Zuchtmeister und Lexikographen, die Erbauer der »Schatzhäuser des Deutschen« kommen zu Wort: Johann Christoph Adelung, Joachim Heinrich Campe und die Brüder Grimm.
Martin Luthers Rhetorik des Herzens
»Er ist’s, der die deutsche Sprache, einen schlafenden Riesen, aufgeweckt und losgebunden«, so hat Herder Luthers Leistung als Sprachschöpfer beschrieben. Bekannt ist Luthers Vorsatz, beim Reden und Schreiben »dem Volk auf das Maul zu sehen« – es gilt aber auch zu verstehen, wie sehr Luther seinerseits »das Maul«, also die Sprache seines Volkes geprägt und gebildet hat und wieviel er dabei den alten Sprachen und der rhetorischen Tradition verdankt. Gegen alle nationalistischen Verengungen des Lutherschen Erbes soll an vergessene Gedanken des Reformators über Reichtum und Fülle der Sprachen erinnert werden: »Ich halte es gar nicht mit denen, die nur auf eine Sprache sich so gar geben und alle andere verachten«. Oder: »Denn ich in keinem Weg will die lateinische Sprache aus dem Gottesdienst lassen gar wegkommen …«
Es ist unser Land –
eine patriotische Besinnung
»Ja, wir lieben dieses Land. Und nun will ich euch mal etwas sagen: Es ja nicht wahr, daß jene, die sich ›national‹ nennen und nichts sind als bürgerlich-militaristisch, dieses Land und seine Sprache für sich gepachtet haben … Und so wie die nationalen Verbände über die Wege trommeln – mit dem gleichen Recht … nehmen wir, wir, die wir hier geboren sind, wir, die wir besser deutsch schreiben und sprechen als die Mehrzahl der nationalen Esel – mit genau demselben Recht nehmen wir Fluß und Wald in Beschlag, Strand und Haus, Lichtung und Wiese: es ist unser Land.« Diese Erklärung stammt von Kurt Tucholsky. Ja, es gibt eine Tradition der Vaterlandsliebe bei deutschen Linken. Die Kritik deutscher Zustände schloß bei den besten von ihnen niemals die Zuneigung zu Landschaft, Sprache und Menschen aus – nachzulesen bei Heinrich Heine und Friedrich Engels, bei Kurt Tucholsky, Stephan Hermlin und anderen. Ihren Bekenntnissen soll das Vaterlandslob konservativ gesonnener Autoren wie Ricarda Huch, Rudolf Borchardt und Ernst Wiechert zur Seite gestellt werden.
Wie gehen die Märchen weiter?
Lyrik und Prosa aus 40 Jahren
»Wie gehen die Märchen weiter?« – so hatte im November ’89 der Dichter Thomas Rosenlöcher in seinem Dresdener Tagebuch »Die verkauften Pflastersteine« gefragt. Dieses Programm gibt als Textcollage einen Rückblick auf das späte 20. und das beginnende 21. Jahrhundert in Deutschland. In Lyrik und Prosa verschiedener Autoren sollen sie noch einmal anklingen: Die Illusionen der frühen 70er Jahre, die Stagnation der 80er, der utopische Überschuß von 1989/90 und die darauf folgende, durch Erfahrung gewitzigte Resignation …